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Manfred Busch war so freundlich, uns die nachfolgenden Lagerberichte aus seiner Zeit in unserem Stamm 1953-59 zur Verfügung zu stellen:

Den Eltern blieb manches verborgen

Mit zunehmender Zeitentfernung verblassen zwar manche Erinnerungen, aber die bleibenden verklären sich möglicherweise umso mehr. So erzähle ich aus meiner Pfadfinderzeit besonders gern von zwei Fahrten, bei denen unsere Unabhängigkeit von Erwachsenen, unsere Unternehmungslust aber auch unsere Unbedarftheit besonders deutlich wird.

Mit Wimpel auf die Reeperbahn

Es war um die Mitte der fünfziger Jahre “des vorigen Jahrhunderts”. Wir waren schon mehrmals in den Klostertannen bei Mariensee mit unseren Zelten in einer Sandkuhle gewesen.
Der einarmige Förster war wohl in Sorge um seinen Wald und schimpfte immer ein wenig, doch war er uns im Grunde wohl gesonnen, denn er verjagte uns nicht.
So beschlossen fünf von uns (Walter, Winni, Zobel, Brille und ich) über die Herbstferien dort unser Zeltlager zu machen. Unser Zweimannzelt, hatte den Luxus eines Bodens, doch dafür war es auch um die 15kg schwer. Bei uns hieß es immer “Sechsmannzelt”. Wir Fünfzehnjährigen waren noch kurz genug, dass wir unsere Luftmatratzen quer legen konnten und so den Raum voll ausnutzten. In die Apsis kam das Gepäck und Winnis nagelneues Rad, das konnte er irgendwie durchsetzen.
Es war kühl und regnerisch, also kein gutes Lagerwetter.
Gleich am ersten Abend beim Lagerfeuer kam einer von uns auf die Schnapsidee, dass es doch toll wäre, wenn wir nach Hamburg aufbrechen würden. Wir waren sofort begeistert. Hamburg bedeutete für uns Hafen, Reeperbahn und weite Welt.
Am folgenden Tag schafften wir es bei Regen und Gegenwind gerade mal bis Soltau, aber am nächsten landeten wir nass und erschöpft in Hamburg-Wilhelmsburg, wo wir beim Pfarrer um Herberge baten. Wir durften für zwei Nächte unsere Luftmatratzen im Pfarrsaal ausbreiten.
Mit Wimpel und in Pfadfindertracht zogen wir am Folgetag zu Fuß los, Hamburg zu erobern. Zunächst waren das 10 km bis zur Innenstadt, wo wir wiederholt fragten: “Wo geht es denn hier zur Reeperbahn?” Das erschien uns durchaus nicht merkwürdig.
Als unser Fähnlein die berühmt-berüchtigte Meile mittags erreichte und auch die Nebenstraßen durchstreifte, waren wir doch enttäuscht, was immer wir erwartet hatten. Aber der Hafen beeindruckte dann umso mehr.
Unser nächstes Ziel war die Nordsee. In Stade zelteten wir direkt an der Elbe auf einem Stückchen Sandstrand, die dicken Pötte zogen an uns vorbei.
Unser Geld ging allmählich zur Neige, aber wir strebten seewärts, und nördlich von Bremerhaven stießen wir auf den Nordseedeich. Keiner von uns hatte je das Meer gesehen, so rannten wir sofort hinauf zur Deichkrone und staunten über die großen Wellen und die Weite der See. Die Krönung war ein Seehund, der kurz vor dem Ufer den Kopf aus dem Wasser hob und uns mit seinen Kulleraugen betrachtete. Wahrscheinlich machten wir ähnliche Augen.
Auf dem Weg nach Bremen am nächsten Tag wurde die Verpflegung knapp und das Geld war aufgebraucht. Aber Brille verstand es gut, in aller Unschuld beim Schlachter und beim Bäcker nach billigen Resten zu fragen, worauf diese sich nicht lumpen ließen und uns jeweils ein schönes Päckchen spendierten.
In Bremen kamen wir im Gartenhäuschen eines katholischen Kinderkrankenhauses unter, wo uns die Ordensschwestern mit so viel Brei versorgten, dass wir, nachdem alles verputzt war, beim Lachen Bauchschmerzen bekamen. Und wir hatten nach all dem Regen wieder gut Lachen.
Zum Abschied schenkte der Hauskaplan unserer Gruppe 20 DM. Dadurch waren wir wieder so flüssig, dass wir in Nienburg in der Jugendherberge übernachten konnten und nicht noch, nass und erschöpft wie wir waren, bis Wunstorf durchfahren mussten.
Wieder daheim wollten wir so tun, als ob wir aus Mariensee kämen. Doch einer von uns hatte es sich nicht verkneifen können, aus Hamburg eine Ansichtskarte nach Hause zu schicken. So wussten alle Eltern schon von der “Geheimfahrt” und waren froh, uns kaputt aber gesund wiederzusehen.

Winterlager im Harz

Winterlager

Es war möglicherweise ein Jahr nach der Hamburgfahrt. Im Spätherbst erzählte uns Winni, dass er zu Weihnachten Ski bekäme. Das brachte einige von uns dazu, den Skilauf als ein neues Ziel ins Auge zu fassen. Ich hatte bis dahin nur einmal einen Skiläufer am Bahndamm der Mindener Bahn gesehen. Aber die Vorstellung aus der Fahrtenliedzeile “Rasen die Skier von den glitzernden Hängen und mit federleichten Schwüngen steil ins Tal” ließ uns nicht los. Meine Ausrüstung kam so zusammen: Eschenbretter (35 DM) wurden mein Weihnachtsgeschenk, Kabelbindung zur Selbstmontage (15 DM) kaufte ich selbst, Skistöcke aus Bambus lieh ich mir, feste Halbschuhe, die es tun mussten, hatte ich bereits.
Mit einer Postkarte meldete ich uns in der Jugendherberge St. Andreasberg im Harz an. Das Telefonieren war damals noch nicht üblich. (Jungpfadfinderprüfung 2.Grades: “Der Jungpfadfinder kann ein Telefongespräch führen”.) Als dann die Absage wegen Überfüllung kam, standen wir dumm da, denn nun hatten wir alles zum Skilaufen, nur keine Bleibe im Harz.
Aber warum nicht zelten? Unsere bewährte Engbelegung des “Zweimannzeltes” und eine Kohte zum Kochen und für die Feuerrunde am Abend sollten wohl passend für uns sein. Nur die Eltern durften davon nichts mitbekommen, sie hätten uns womöglich nicht fahren lassen. So erzählten wir etwas von einer Notunterkunft, um Luftmatratzen und Decken in unserem Gepäck zu erklären (Notlüge?).
Nach Weihnachten ging es dann mit der Bahn bis Goslar und mit dem Bus weiter nach Andreasberg, wo wir am Sonnenberg ausstiegen. Durch einen Wald keuchten wir mit unserem schweren Gepäck aufwärts, bis wir weitab von jeglicher Siedlung an einen verschneiten Hang kamen, der uns als Lagerplatz und Idiotenhügel geeignet erschien.
Kaum waren die Zelte aufgebaut, wollten wir natürlich gleich auf die Bretter. Keiner von uns hatte zuvor auf Ski gestanden, außer zu Hause im Wohnzimmer. Wir stellten uns in einer Reihe auf, um gleich eine Wettfahrt zu machen. Wir sahen, dass uns nach etwa 150 Metern der Gegenhang sicher zum Stehen bringen würde. In Schussfahrt, die uns auf ein gefühltes Wahnsinnstempo brachte, rutschten wir unter Jubelgeschrei hinunter. Was wir nicht gesehen hatten, war aber, dass ein zugeschneiter Bach die beiden Hänge trennte. Die Skispitzen gingen auf Tauchfahrt und wir flogen frontal über den Bach in den Schnee. Meine Halbschuhe ersetzten die Sicherheitsbindung, sie blieben fest mit den Brettern verbunden, aber ich stand schließlich auf Socken im Schnee.
In den folgenden Tagen über Sylvester (Die Sylvesterfeier soll verschwiegen bleiben.) übten wir Bögen auf der selbstgetrampelten Piste zu fahren, bis wir schließlich schon einen kleinen Slalomwettbewerb auf unserem Niveau zustande brachten.
Am vorletzten Tag wagten wir uns zu den Skipisten bei St. Andreasberg. Wir schauten uns einiges von den “richtigen” Skifahrern ab und bewältigten mit Angst im Nacken und manchen Stürzen auch diese Hänge, die uns eigentlich völlig überforderten. Aber aus unserer Sicht liefen wir schon gar nicht so schlecht.
Im folgenden Winter setzten wir als “Fortgeschrittene” nach rechtzeitiger Anmeldung unsere Rutscherei bei der Jugendherberge Bad Lauterberg fort. Inzwischen besaß ich hohe Schuhe, und unter meine Bretter hatte ich Stahlkanten geschraubt. So bahnte sich der Fortschritt in meinem Wintersport an, der mir bis heute noch Freude macht.

Diese beiden Unternehmungen sind Beispiele für viele, die mir die Pfadfinderzeit so bedeutsam machen, dass ich gern und dankbar an diese Zeit denke.
Wir waren ganz durchschnittliche Jungen unserer Zeit. Aber die vielfältigen Anforderungen, die das Pfadfindersein an uns stellte (Pfadfindergesetz, Versprechen, Prüfungen), waren eine große Hilfe in unserer Entwicklung. Doch auch die Herausforderungen, die wir selbst suchten, führten zu gemeinsamen Erlebnissen in der Gruppe und einem Zusammenhalt, der bis heute nachklingt.

Manfred Busch, Wunstorfer Georgspfadfinder von 1953-1959