Gründung und erste Phase

 

“Den Eltern blieb manches verborgen”: Gründung und erste Phase des Stammes St. Bonifatius der Wunstorfer Georgspfadfinder

Sie waren 13 Jahre alt, lebten als Vertriebene in primitiven Wohnverhältnissen, gehörten einer religiösen Minderheit an − und gründeten 1952 den Pfadfinderstamm St. Bonifatius Wunstorf. Bis heute bilden die 2006 mit dem Preis des Wunstorfer Ortsrates ausgezeichneten Georgspfadfinder eine prägende Konstante sowohl der Kinder- und Jugendarbeit in Wunstorf als auch insbesondere ihrer katholischen Heimatgemeinde St. Bonifatius. Dieser Artikel skizziert die ersten 15 Jahres der Stammesgeschichte.

Bonifatiuskapelle
Nach fünf Jahrzehnten musste die 1903
gebaute Bonifatiuskapelle der heutigen Kirche
in der Hindenburgstraße weichen.

Die Renaissance der Katholiken in Wunstorf

Seit der endgültigen Durchsetzung der Reformation hatte es in Wunstorf keine katholische Gemeinde mehr gegeben. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zum vermehrten Zuzug einzelner katholischer Familien in die Stadt. Am 4. Januar 1884 wurde in einem Korridor des heutigen Landeskrankenhauses die erste Hl. Messe in Wunstorf nach der Reformation gefeiert. 1903 wurde dann in der heutigen Hindenburgstr. 17 eine kleine Kapelle mit 160 Sitzplätzen gebaut und dem heiligen Bonifatius als Schutzpatron geweiht.
Mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen wandelten sich die Verhältnisse der kleinen Gemeinde grundlegend: Mit den Flüchtlingen und Vertriebenen vervielfachte sich die Zahl der Katholiken in der Pfarrvikarie Wunstorf 1946 auf knapp 3.000, deren seelsorgerische Betreuung Pfarrer Georg Kliche übernahm. Zwar stellte die Evangelische Kirchengemeinde die Stiftskirche für Gottesdienste zur Verfügung, doch war die kleine Kapelle für eine derart gewachsene Gemeinde langfristig nicht mehr ausreichend. Sie wurde daher schließlich abgerissen und am selben Ort eine neue größere Kirche mit 458 Plätzen gebaut, die am 28. November 1954 geweiht wurde. Auch sie erhielt als Schutzpatron den Hl. Bonifatius. Zwei Jahre später wurde St. Bonifatius in Wunstorf zur Kirchengemeinde erhoben.

 

Fronleichnam 1953
Aufstellung zur Fronleichnamsprozession 1953.
Von rechts: Peter Greulich, Klaus Joseph, Bernd
Linkogel, Karl Müller und Manfred Regenbrecht

Sieben Jugendliche gründen einen Pfadfinderstamm

Die kirchliche Jugendarbeit innerhalb von St. Bonifatius konzentrierte sich um 1950 auf eine Jungschargruppe. 1951 nahm die Gruppe an einem Jungscharlager am Bannsee bei Mardorf teil. Dabei kamen die Mitglieder in Kontakt zu einigen Georgspfadfindern aus Nienburg, wo bereits ein Pfadfinderstamm existierte. Der Funke der pfadfinderischen Begeisterung sprang rasch über, und so fanden sich schließlich 7 Jungen im Alter von etwa 13 Jahren zusammen, um die “Sippe Wolf”, die Keimzelle des heutigen Stammes St. Bonifatius zu gründen: Klaus Joseph, Dietmar Potempa, Peter Greulich, Klaus Wyrwoll, Bernd Linkogel, Helmut Lingner und Karl Müller. Sie waren stolz darauf, alles selber zu organisieren und ihre eigenen Leiter zu sein. Später wurde dann eine zweite Sippe gegründet und es kamen immer mehr Kinder und Jugendliche dazu.
Entsprechend ihren jeweiligen Kenntnissen und Fähigkeiten konnten die damaligen Pfadfinder immer höhere Grade erreichen, indem sie Prüfungen bestanden. Geprüft wurden nicht nur pfadfinderische Kenntnisse wie der Umgang mit Karte und Kompass oder das Anfertigen von Knoten, sondern auch naturkundliche, religiöse, heimat- und verkehrskundliche Kenntnisse. Der Prüfling musste sportliche übungen sowie Proben seiner Sinnesorgane und seines Gedächtnisses bestehen, basteln, singen und spielen können und sparsam sein. Besaß ein Neuling dann auch noch die richtige Haltung und Zuverlässigkeit, konnte er nach einer Probezeit von drei Monaten sein Versprechen ablegen.
Um Jungpfadfinder (Jupi) 2. Grades zu werden, musste man u.a. in der hl. Messe dienen können, Handfertigkeit etwa beim Knüpfen einer Hängematte oder dem Nähen eines Sippenwimpels nachweisen und in einfachen Fällen Erste Hilfe leisten können. Für die Pfadfinderprüfung war dann wiederum eine Mutprobe abzulegen. Um Pfadfinder 2. oder schließlich 1. Grades zu werden, waren wiederum noch tiefergehende Kenntnisse und Fähigkeiten erforderlich. Sie waren die Voraussetzung dafür, schließlich in der höchsten Stufe Georgsritter zu werden.

Mitgliedsausweis KarlMueller
Pfadfinderausweis von Gründungsmitglied
Karl Müller aus dem Jahr 1952.
Der ausstellende Stammesfeldmeister
Klaus Joseph war ebenso minderjährig wie er.